Digitale
Gesundheitsanwendungen
werden Teil
der Regelversorgung sein
 

Das Angebot an Gesundheits-Apps wächst stetig. Einige können Leben retten, andere schaden mehr, als sie nutzen. Orientierung im App-Dschungel geben BfArm und Krankenkassen.


Höhere Relevanz und Akzeptanz nach Corona?

Die neue Corona-Warn-App ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was moderne Gesundheits-Apps leisten können: Infektionsketten des SARS-CoV-2 lassen sich mit ihr effizient nachverfolgen, sie erfüllt höchste Anforderungen an den Datenschutz und wurde als transparentes Open-Source-Projekt in kürzester Zeit entwickelt. Deshalb erntet sie viel Lob – aber auch kritische Stimmen gab es zum Start. So wurden von verschiedenen Seiten Befürchtungen geäußert, dass das Konzept der Freiwilligkeit durch einen faktischen Nutzungszwang im Alltag – beispielsweise, um in eine Gaststätte eingelassen zu werden – ausgehebelt werden könnte. Bemängelt wurde zudem, dass Nutzer die App möglicherweise für eine Art Freifahrtsschein halten und keine anderen Infektionsschutzmaßnahmen mehr einhalten würden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mahnte deshalb, die App sei kein „Allheilmittel“ und ersetze nicht vernünftiges Verhalten. Auch wenn die Warn-App sich im Alltag noch bewähren muss: Das digitale Großprojekt der Bundesregierung wird dazu beitragen, dass Gesundheits-Apps schneller an medizinischer Relevanz und gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnen, als vor Corona-Zeiten denkbar gewesen wäre. Denn sie können potenziell Leben retten und trotzdem die Privatsphäre ihrer Anwender wahren.


Riesiges Angebot, keine einheitlichen Qualitätskriterien

 

Im Juni 2019 gab es im deutschsprachigen Raum über 6.000 digitale Anwendungen zu den Themen Gesundheit und Fitness und weitere knapp 2.800 für den medizinischen Bereich (Quelle: healthon.de). Nicht alle sind so sicher und effizient wie die Corona-Warn-App, aber viele eröffnen neue Möglichkeiten: Sie messen bei Krankheiten wichtige Werte, erinnern an die Medikamenteneinnahme oder helfen Fitness und Ernährung zu verbessern. Wie gut diese Apps sind, muss der Anwender jedoch selbst testen, denn einheitliche Qualitätskriterien zu Inhalt, Funktionen und Datenschutz gibt es bislang nicht. Die Verbraucherzentrale warnt deshalb: „ (…) So kann es hilfreiche Apps geben, aber auch solche, deren Nutzen nicht belegt ist und die schlimmstenfalls sogar Schaden anrichten können z.B. durch falsche Messungen und Diagnosen.“


DVG gibt wichtiges Signal

 

Mit dem am 19. Dezember 2019 in Kraft getretenen Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) gibt das BMG in Sachen Gesundheits-Apps ein wichtiges Signal: Sie werden als so relevant für unser Gesundheitssystem erachtet, dass Patienten sie möglichst schnell kostenlos auf ärztliches Rezept erhalten sollen. Für die Qualitätssicherung übernimmt die Bundesregierung Verantwortung, indem sie für verschreibungsfähige Apps eine Prüfung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hinsichtlich Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz vorschreibt. Hat eine App die Prüfung bestanden, wird sie ein Jahr lang vorläufig von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet. In dieser Zeit muss der Hersteller beim BfArM nachweisen, dass seine App die Versorgung der Patienten verbessert. Einen Antrag auf Prüfung können Anbieter von Mitte Mai 2020 an beim BfArM einreichen. Vermutlich ab Herbst 2020 können genehmigte Anwendungen dann von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Verschreibungs- und erstattungsfähig sind zunächst risikoarme, nach der europäischen Medizinprodukte-Verordnung CE-zertifizierte Medizinprodukte der Klasse I und IIa. Einen Überblick über geprüfte digitale Gesundheitsanwendungen wird ein eigenes Verzeichnis geben (DiGA-Verzeichnis), das beim BfArM gerade erstellt wird.


Einen Teil der Verantwortung tragen die Ärzte

 

Wie viele Patienten künftig mit Apps auf Rezept ihre Gesundheit fördern oder überwachen, hängt nicht nur von gesetzlichen Regelungen ab, sondern maßgeblich auch von den Ärztinnen und Ärzten. Bei vielen von ihnen überwiegt die Skepsis – wie bei Irmgard Landgraf, niedergelassene Ärztin und Mitglied im DGTelemed. Sie sagte dazu auf dem 10. Nationalen Fachkongress Telemedizin am 14. Januar 2020: „Wir begrüßen digitale Unterstützung, um die digitale Versorgung unserer Patienten zu verbessern. (…) Aber ich muss sicher sein, dass ich mit der Rezeptierung einer solchen App meinem Patienten etwas Gutes tue, dass er davon profitiert und dass die Behandlungs- und Diagnosestrategien, die da vorgeschlagen werden, ihm wirklich nutzen.“ Sie gab zu bedenken, Ärzte hätten nicht genügend Zeit, sich die Apps anzuschauen und ihren Nutzen zu prüfen. (Quelle: Ärzteblatt). Wie können Ärzte also trotzdem ihrer Verantwortung gerecht werden? Zum einen, indem sie sich über die wichtigsten medizinischen Apps einen ersten Überblick verschaffen – zum Beispiel über die Webseiten der gesetzlichen Krankenkassen. Diese erstellen oft auch eigene Apps, von denen eine gewisse Qualität erwartet werden darf. Auch das DiGa-Verzeichnis der vom BfArM geprüften Apps wird Sicherheit geben. Zum anderen zeigen Ärzte Zuständigkeit, indem sie mit einem Patienten über für dessen Indikation infrage kommende Apps ausführlich sprechen. Worauf man bei Gesundheits-Apps achten sollte, erfährt man unter anderem auf der Webseite der Verbraucherzentrale.


So werden Gesundheits-Apps zukunftsfähig

 

Seit die Digitalisierung im Gesundheitswesen durch die Covid-19-Pandemie gezwungenermaßen einen mächtigen Schub erlebt hat, ist klar: Digitale Angebote wie die Videosprechstunde oder Gesundheits-Apps werden künftig Teil der Regelversorgung sein. Wichtig ist es deshalb, die Akzeptanz und das Know-how bei Patienten und in der Ärzteschaft zu fördern. Für Ärzte bedeutet das: Medizinstudierenden muss digitale Kompetenz über den Lehrplan vermittelt werden, niedergelassene Kolleginnen und Kollegen benötigen ein qualifiziertes Fortbildungsangebot und die Bereitschaft, sich dafür die nötige Zeit zu nehmen. Nur so werden sie in der Lage sein, hilfreiche Anwendungen von nutzlosen zu unterscheiden, ihrer Verantwortung gegenüber ihren Patienten gerecht zu werden und Gesundheits-Apps zukunftsfähig zu machen.