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Das Internet spielt eine wichtige Rolle im Praxisalltag unter Corona-Bedingungen, doch das digitale Angebot droht unübersichtlich zu werden. Wir helfen bei der Orientierung.

 

Die Furcht vor „arztersetzenden Strukturen“

 

Mal angenommen, uns hätte eine Pandemie wie SARS-CoV-2 im Jahr 1990 getroffen, in einer Zeit ohne Internet und Smartphones. Die gesellschaftlichen, politischen und medizinischen Auswirkungen wären vermutlich deutlich verheerender ausgefallen. Für uns ist das Internet heute unentbehrlich, die Digitalisierung in der Medizin eine Selbstverständlichkeit. Aktuelle Programme der Bunderegierung fördern sie. Und doch bleiben Bedenken: Erst am 12. Juni 2020 warnte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Stephan Hofmeister auf der Vertreterversammlung in Berlin davor, mit der Digitalisierung „arztersetzende Strukturen zu schaffen“. Es dürfe keinen Ausverkauf der persönlichen Arzt-Patienten-Beziehung zugunsten einer Callcenter-Medizin geben. Im Folgenden betrachten wir ausgewählte Online-Angebote, und stellen die Frage nach ihrem Nutzen und ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis.

 

Videosprechstunde

 

Im Zuge der Coronakrise haben KBV und GKV-Spitzenverband zum 1. April 2020 die Beschränkungen zur Durchführung von Videosprechstunden aufgehoben. Ende Mai wurde diese Sonderregelung verlängert, bis zum 30. September bleibt die Konsultation per Video weiterhin unbegrenzt möglich. Zuvor durften Ärzte lediglich 20 Prozent ihrer Patienten ausschließlich per Video behandeln. Und auch dies galt erst seit der Lockerung des Fernbehandlungsverbots im Jahr 2018.

 

Wird die Videosprechstunde durch die SARS-CoV-2-Pandemie künftig einen höheren Stellenwert haben und selbstverständlicher Bestandteil des ärztlichen Leistungsspektrums sein?

 

Eine aktuelle Umfrage des Health Innovation Hub (hih) des Bundesgesundheitsministeriums zeigt: Die COVID-19 Pandemie hat der Akzeptanz von Videosprechstunden in der Medizin enormen Vorschub geleistet: Während 2017 noch fast 60 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten Videosprechstunden ablehnten, gaben im April 2020 mehr als die Hälfte der Befragten an, sie zu nutzen. Und auch nach der Pandemie können sich 83 Prozent der Ärzte vorstellen, einen Anteil ihrer Patienten über eine Videoplattform zu versorgen.

 

Ein Umdenken hat auch bei den Patienten stattgefunden, wie eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom zeigt: Zwei Drittel meinten im März 2020, Ärzte sollten Online-Sprechstunden anbieten, um die Ansteckungsgefahr in den Praxen zu reduzieren. Im Frühjahr 2019 konnten sich lediglich 30 Prozent vorstellen, eine Online-Sprechstunde wahrzunehmen.

 

Der Bedarf und die Akzeptanz von Videosprechstunden sind also auf Ärzte- wie auf Patientenseite deutlich gestiegen. Dass die digitale Kommunikation das persönliche Arzt-Patienten-Gespräch ersetzt, ist indes kaum vorstellbar. Zum einen könnten Onlinebehandlungen zu einer Entfremdung des Arzt-Patienten-Verhältnisses führen, zum anderen besteht die Gefahr von Behandlungsfehlern oder Fehldiagnosen aufgrund der eingeschränkten Wahrnehmung am Bildschirm. Hinzu kommt, dass längst nicht in allen Teilen Deutschlands hochleistungsfähige Datennetze zur Verfügung stehen. Auch fehlen gesetzliche Rahmenbedingungen, beispielsweise zu Datenschutz- und -sicherheit sowie zur Sicherung der Qualität in der medizinischen Versorgung.

 

Dennoch ist die Videosprechstunde ein Zukunftsmodell, das Ärzte gewinnbringend für sich nutzen können – und zwar als sinnvolle patientenfreundliche Ergänzung zur Sprechstunde in der Praxis. So könnten ältere, wenig mobile Patienten auf diesem Weg einfacher Folgeverordnungen erhalten. Zudem ermöglichen es Videosprechstunden, Defizite bei der ärztlichen Versorgung auf dem Lande verringern. Weite Wege in die Praxis und lange Wartezeiten fallen weg, wovon vor allem Berufstätigen profitieren.

 

Fazit: Das technologische Rad lässt sich auch bei der Videosprechstunde nicht zurückdrehen. Entscheidend für den Praxiserfolg ist, dass man diesen Kommunikationsweg so nutzt, dass Patienten damit die individuell bestmögliche Versorgung erhalten.

 

Fortbildungen und Kongresse

 

Das Internet spielte auch schon vor der Corona-Pandemie eine wichtige Rolle bei der ärztlichen Fortbildung. Mit dem Wegfall von Präsenzveranstaltungen sind Online-Fortbildungen inzwischen praktisch der einzige Weg, medizinisches Wissen aufzufrischen oder zu erweitern. Sicher wird es noch eine Weile dauern, bis Kongresse, Tagungen und Seminare wieder uneingeschränkt stattfinden, bis dahin müssen sich Ärztinnen und Ärzte, die den persönlichen fachlichen Austausch schätzen, gedulden.

 

Die Zwangspause für Fortbildungsveranstaltungen bietet aber auch die Chance, sich mit digitalen Angeboten noch besser vertraut zu machen. Diese sind inzwischen so umfassend, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten.

 

Ein Entscheidungskriterium ist sicherlich die CME-Zertifizierung, schließlich müssen Mediziner innerhalb von fünf Jahren mindestens 250 Fortbildungspunkte nachweisen. Damit haben sie neben ihrer Praxistätigkeit inklusive aller Bürokratie reichlich zu tun. Gut also, wenn man durch das Absolvieren von zertifizierten Fortbildungen über das Internet wertvolle Zeit sparen kann. Hinzu kommt, dass Reise- und Übernachtungskosten entfallen; zudem ist das Lernen von zuhause oder von der Praxis aus umweltfreundlicher, Stichwort: Klimaschutz.

 

Ein weiterer guter Weg, sich im Angebotsdschungel ärztlicher Fortbildungen zurechtzufinden, sind die Webseiten der Fachgesellschaften. Dort gibt es eine große Auswahl an Online-Seminaren und -Kursen zu aktuellen Themen des jeweiligen Fachgebiets, und selbst Kongresse mit mehreren hundert Teilnehmern werden virtuell durchgeführt. Natürlich ist der fachliche Austausch unter Medizinern ebenso wie die ärztliche Fortbildung ausschließlich über das Internet auf Dauer weder möglich noch erstrebenswert. Aber digitale Angebote stellen eine wertvolle Ergänzung dar.

 

Networking

 

Wer sich konkret zu einer bestimmten medizinischen Fragestellung austauschen will, kann dies über spezielle Ärzteforen und -netzwerke tun, aber auch über Social-Media-Kanäle. Ebenso bieten Kliniken und Universitäten Medizinern die Möglichkeit, sich zu vernetzen.

 

Das größte deutsche moderierte Forum für Ärzte ist das Deutsche Medizin Forum. Dort können sich Experten, Patienten und Angehörige online über Krankheitsbilder, Behandlungen und sonstige medizinische Themen austauschen. Zu den Moderatoren gehören niedergelassene Fachärzte, Klinikärzte, und Angehörige von Pflege- und sonstigen medizinischen Fachberufen.

 

Die größte Ärzte-Community ist im deutschsprachigen Raum ist coliquio. Im Jahr 2007 aus einer Bachelorarbeit entstanden wird die Plattform heute von über 190.000 Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen zum Wissenstransfer und zur Kontaktpflege genutzt. coliquio ist kostenlos, registrieren dürfen sich ausschließlich approbierte Ärzte.

 

Im gleichen Jahr wie coliquio ging esanum an den Start. Gegründet als Plattform für den Austausch unter Ärzten hat esanum sein Angebot im Laufe der Jahre kontinuierlich erweitert. Inzwischen gibt es auch einen Fortbildungsbereich und einen Stellenmarkt. Eine Mitgliedschaft bei esanum ist ebenfalls kostenfrei und nur für approbierte Ärzte möglich.

 

Auch über DocCheck können sich Ärztinnen und Ärzte mit Kolleginnen und Kollegen austauschen und vernetzen oder aktiv eigenes Wissen einbringen. Das kostenlose Portal verschafft Interessierten zudem Zugang zu Internetseiten von pharmazeutischen Unternehmen und medizinischen Verlagen, die Fachkreisen vorenthalten sind.

 

Vernetzen können sich Ärzte auch über die gängigen Social-Media-Kanäle. Während man über Facebook eher zu Patientinnen und Patienten Kontakt aufnimmt, bietet LinkedIn mit über 645 Millionen Mitgliedern in mehr als 200 Ländern und Regionen das größte internationale berufliche Netzwerk. XING ist das deutschsprachige Pendant dazu.