Im Team mehr
Service bieten und
neue Patienten
gewinnen

Die Einzelpraxis ist für viele noch immer das ideale Modell. Dabei bieten Kooperationen viele Vorteile für Ärzte und Patienten.

Längere Sprechstunden – Last oder Gewinn?

 

Eine Forderung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) sorgte 2018 für Diskussionsstoff: Niedergelassene Ärzte sollen ihre Öffnungszeiten patientenfreundlicher gestalten und Sprechstunden auch abends und samstags anbieten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wies die Forderung zurück mit dem Argument, dass niedergelassene Ärzte bereits durchschnittlich 52 Stunden pro Woche arbeiten und oft mehr Sprechstunden anbieten würden, als sie müssten.

 

Die Positionen beider Seiten sind nachvollziehbar, doch das Thema müsste gar nicht so polarisieren. Denn es kann für alle gewinnbringend sein, flexiblere Öffnungszeiten anzubieten – und zwar ohne Mehrarbeit für den einzelnen.

 

Die Arbeitslast senken, das Angebot erweitern

 

Dies wird möglich, wenn Sie sich mit Kolleginnen oder Kollegen in einer Jobsharing-Praxis zusammentun. Für diese Form der ärztlichen Kooperation gibt es zwei Modelle: Entweder Sie teilen sich den Arztsitz als gleichberechtigte Partner einer Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) – dahinter verbirgt sich die alte Gemeinschaftspraxis – oder Sie stellen einen Arzt an. Über Rechtliches zu diesen Kooperationsformen informiert die KBV ausführlich.

 

In einer Jobsharing-Praxis teilen Sie sich Arbeitszeit, Patienten und Räumlichkeiten. Sie können Ihre Arbeitslast senken und gleichzeitig das Angebot für Ihre Patienten erweitern. Ein Beispiel: Sie arbeiten Montag bis Mittwoch und besetzen zwei Abendsprechstunden bis 20 Uhr. Ihr Kollege bzw. Ihre Kollegin übernimmt den Donnerstag und Freitag sowie den Samstagvormittag. In der Woche darauf tauschen Sie.

 

In Zusammenarbeit mit einer Teilzeitkraft, ist auch eine unterschiedliche Gewichtung der Stundenzahlen möglich. Teilzeitkräfte sind heute nicht mehr schwer zu finden: Immer mehr junge Menschen – auch Akademiker – finden es attraktiv, weniger zu arbeiten und mehr Zeit für Familie und Hobbys zu haben. Dafür nehmen sie sogar bewusst geringere Einnahmen in Kauf.

 

Anreize für das Team schaffen

 

Wer erweiterte Öffnungszeiten anbieten möchte, sollte auch im Praxisteam die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Suchen Sie gemeinsam eine tragfähige Lösung und bieten Sie Anreize wie Sonderzulagen oder zusätzliche Urlaubstage. Machen Sie auch auf die Vorteile flexibler Arbeitszeiten aufmerksam: Wer als Ausgleich für einen Dienst am Samstagvormittag an einem Werktag frei hat, kann in Ruhe Dinge erledigen oder entspannt in der leeren City shoppen. Gut möglich, dass sich deshalb sogar Freiwillige für die Arbeit zu ungünstigen Zeiten finden.

 

Tipp: Denken Sie bei einer etwaigen Erweiterung Ihres Leistungsangebots auch über neue Stellen wie eine Praxismanagerin nach. Sie behält den Überblick, wenn die Organisation Ihrer Praxis durch flexible Arbeitszeiten komplexer wird.

 

Behandlungserfolge sichern, neue Patienten gewinnen

 

Von längeren Sprechzeiten profitiert eine Patientengruppe besonders: Berufstätige. Wer im Job gerade nicht fehlen kann oder will, verzichtet schon mal auf einen Arzttermin während der Arbeitszeit – vor allem, wenn keine akute Erkrankung vorliegt, sondern es um eine Vor- oder Nachsorge geht. Sprechzeiten am frühen Abend oder am Samstag erleichtern es Berufstätigen, alle ärztlich empfohlenen Termine wahrzunehmen und die Gesundheit zu erhalten bzw. den Therapieerfolg zu sichern.

 

Auf der anderen Seite bietet sich Ihnen als Arzt oder Ärztin die Chance, Berufstätige – und damit auch privat Versicherte – als neue Patienten hinzuzugewinnen. Sie können sicher sein: Wer einmal bei Ihnen an einem Samstag behandelt wurde, wird Ihre Praxis gerne weiterempfehlen.

 

Das neue Angebot wirksam kommunizieren

 

Wer verlängerte Öffnungszeiten anbieten möchte, kann die Mund-zu-Mund-Propaganda durch ebenso einfache wie wirksame Kommunikationsmaßnahmen unterstützen. Überprüfen Sie zuerst Ihren Google My Business Eintrag und korrigieren Sie bei Bedarf die Angaben zu Ihren Sprechzeiten. Mit Schildern am Eingang Ihrer Praxis und mit Aufstellern am Empfang und im Wartezimmer können Sie auf Ihr neues Angebot aufmerksam machen. Passen Sie Ihre Öffnungszeiten auch auf Ihrer Webseite und – falls vorhanden – bei Ihrer Plattform für die Online-Terminvergabe an. Eine aktuelle digitale Präsenz ist besonders wichtig, denn das Internet ist für die meisten Berufstätigen das primäre Medium, um sich zu informieren.

Vor- und Nachteile einer ärztlichen Kooperation

 

Sich vom Modell der Einzelpraxis zu lösen, ist ein einschneidender Schritt, den Sie sorgsam abwägen sollten. Das sind die wichtigsten Vor- und Nachteile im Überblick:

Vorteile

 

  • Sie erweitern Ihr Leistungsangebot und gewinnen neue Patienten
  • Sie erhöhen die Wirtschaftlichkeit und die Wettbewerbsfähigkeit Ihrer Praxis
  • Sie können Ihre Arbeitszeit individuell einteilen
  • Sie erweitern die ärztliche Fachkompetenz Ihrer Praxis
  • Sie haben die Möglichkeit, sich fachlich auszutauschen und eine Zweitmeinung einzuholen

 

Nachteile

 

  • Sie sind nicht mehr der alleinige Entscheider, sondern müssen Kompromisse eingehen
  • Konflikte lassen sich nicht immer vermeiden, Lösungsorientierung ist gefragt
  • Ihre Patienten müssen davon überzeugt werden, dass Ihre Kollegin/Ihr Kollege sie genauso gut behandelt wie Sie
  • Ihre Kollegin/Ihr Kollege muss Ihre Praxisphilosophie teilen und leben

Kooperationen sind die Zukunft

 

Die Vorteile einer gemeinsamen Berufsausübung mit Kollegen in größeren Praxisstrukturen erkennen immer mehr Ärztinnen und Ärzte. Aktuelle Daten der KBV bestätigen, dass sowohl die Zahl der Gemeinschaftspraxen als auch die der medizinischen Versorgungszentren (MVZ) stark zugenommen hat. In Zukunft werden vermutlich immer mehr Praxen aus ärztlichen Teams bestehen. Nicht nur, um die Patientenversorgung zu verbessern, sondern auch, weil eine 52-Stunden-Woche für viele jungen Ärzte nicht mehr erstrebenswert ist.